Argumentarium

Warum eine neue Initiative? Die Berner Bevölkerung hat doch bereits 2015 der Überbauung zugestimmt?

Das Neubau-Projekt wurde zwar 2015 von der Stadtbevölkerung abgesegnet, allerdings unter höchst dubiosen Bedingungen: Es wurde den Bürger*innen komplett verschwiegen, dass dieses Areal mit seinen historisch wertvollen Hallen der Kulturplatz des Quartiers ist, und dass dieser durch die Überbauung vernichtet wird. Im Abstimmungsbüchlein war lediglich von einem „ungenutzten Areal“ die Rede.

Auch der Stadtrat wurde im Vorfeld über das Projekt getäuscht, denn der damals verantwortliche Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP) liess im Schlussplädoyer wörtlich verlauten, es werde gebaut „an einem Ort, an dem sich heute nichts befindet.“

Wie wird denn das Areal momentan genutzt?

Auf dem Areal befinden sich die Quartierbeiz „Punto“ und die vielfältig genutzten historischen Hallen des ehemaligen Trampdepots. In einer der Hallen ist die grosse Quartier-Brocki beheimatet, in den anderen Hallen und dem Aussenraum finden Veranstaltungen jeglicher Art statt. Obwohl als Zwischennutzung angelegt, hat sich das Areal in den vergangenen Jahren zum kulturellen Mittelpunkt des Stadtteils 4 entwickelt – es ist inmitten all den vielen Botschaften und Strassen die einzige Oase in unserem Quartier.

Wir sind der Überzeugung, dass die Stadtbevölkerung bei Kenntnis dieser Sachlage ein „JA“ zum Erhalt des Tramdepots in die Urne legen wird – und wir dann unseren liebgewonnenen Kultur- und Dorfplatz behalten können.

Was habt ihr denn gegen das Überbauungsprojekt – es hiess, dieses berücksichtigt die Bedürfnisse des Quartiers nach öffentlichem Raum?

Eben tut es das nicht – das Neubau-Projekt bringt wenig, zerstört aber viel.

Die Überbauung ist mit einem immensen Verlust an kulturell wertvollem Stadtraum und historischer Bausubstanz verbunden. Die städtebaulich einzigartigen Hallen werden dem Neubau weichen müssen, obwohl der damals zuständige Gemeinderat Alexandre Schmidt im Stadtrat zu Protokoll gab: „Es werden keine Gebäude abgerissen(…).“

Das gesamte jetzige Kulturangebot wird der Überbauung zum Opfer fallen, obwohl die Stadt für das Projekt zur Bedingung gemacht hat, es seien „die Alltagsbedürfnisse der Quartierbevölkerung zu berücksichtigen“ und das auch im Abstimmungsbüchlein so propagiert wurde.

Die Frage ist, was sind die Alltagsbedürfnisse der Menschen? Wir verlieren durch die Überbauung unsere Quartierbeiz, die Brocki, den Flohmarkt, das Ostfest, die Konzerte, die Ausstellungen, Theater, Zirkus, Urban Gardening – und vieles, vieles mehr. Im Gegenzug zieht ein weiteres Migros (das 5. im Umkreis von einem Kilometer) in den geplanten Neubau… aus unserer Sicht ein schlechter Tausch und sicherlich keine ausgewogene Berücksichtigung von öffentlichen Bedürfnissen.

Aber es sollen auch 100 Wohnungen entstehen – ist das nicht eine gute Sache?

Nur in der Theorie, denn diese zielen ebenfalls völlig an den aktuellen Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei.

Von den projektierten 100 Wohnungen sind 70 für den gehobenen Mittelstand geplant, obwohl an Wohnraum in dieser Preisklasse bereits ein Überangebot herrscht. Bei den 30 als „gemeinnütziger Wohnraum“ propagierten Wohnungen handelt es sich um Genossenschaftswohnungen, in die man sich erst einkaufen muss. Wer wenig Geld hat, kann sich dies gar nicht leisten. Es werden also relativ günstige Wohnungen für Besserverdiener geschaffen, obwohl die Stadt selber einräumt, dass im Segment „GüWR“ (also effektiv günstiger Wohnraum mit Einkommenslimite) ein Mangel herrscht.

Und welche Alternative schlägt ihr mit der Initiative vor?

Wir wollen das existierende kulturelle Angebot sowie die historischen Gebäude erhalten, ausbauen, aufwerten.

Auf Basis der bestehenden Bausubstanz wollen wir in gemeinschaftlicher Planung, d.h. in Zusammenarbeit mit der Stadt, das Areal moderat und ökologisch nachhaltig ausbauen. Wir wollen, dass zusätzlicher und günstiger Wohn-, Atelier- und Kulturraum entsteht, der an GüWR-Kriterien gebunden ist, und den sich auch Menschen mit geringem Einkommen leisten können.

Der Initativtext ist hier zu finden.